Projektbeschreibung
Schon unmittelbar mit nach der Besetzung der offiziellen Dienstobjekte der Staatssicherheit am 4. Dezember 1989 und der nachfolgenden Auflösung interessierte sich die Öffentlichkeit für die konspirativen Wohnungen (KW) und konspirativen Objekte (KO) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Beim damaligen Bürgerkomitee gingen immer wieder telefonische Hinweise auf suspekte Wohnungen ein, von denen die Nachbarn glaubten, es würde sich um solche geheimen Stasi-Quartiere handeln. Um diesen Hinweisen nachzugehen wurde eine Gruppe bestehend aus Bürgerkomitee Mitgliedern einem Staatsanwalt und einem Volkspolizisten gebildet, die alle genannten Adressen aufsuchten und kontrollierten. Dies wurde im Dezember 1989 und Frühjahr 1990 alles genau protokolliert und abgelegt. Später wurden Listen von den Stasi-Offizieren bzw. dem staatlichen Auflösungskomitee mit den Adressen der konspirativen Objekte abgeforderte und ebenfalls in die Kontrolle einbezogen. Alle derartigen Stasi-Objekte wurden am Ende über den Runden Tisch der Stadt Leipzig neu an interessierte Mieter vergeben. Das Interesse an diesem Thema war in der Öffentlichkeit so groß, dass die Tageszeitung „taz“ im Juni 1990 eine Liste der Adressen aller damals DDR-weit bekannten konspirativen Wohnungen und Objekte veröffentlichte. Auch in der ersten Ausstellung des Leipziger Bürgerkomitees „Stasi-Macht und Banalität“ wurde im Juni 1990 ein Stadtplan mit den damals bekannten ca. 350 Stasi-Objekten gezeigt.
Zur Vorbereitung einer künftigen Ergänzung und Erweiterung dieser Ausstellung sollte eine digitale Karte aller Objekte der Staatssicherheit entstehen, die diese zum Zeitpunkt der Auflösung Ende 1989 in der Stadt Leipzig unterhielt. Eine ähnliche Darstellung ist bereits für den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sowie für Erfurt verfügbar. Neben den vorhandenen Listen und Protokollen sollten ergänzend nun auch alle diesbezüglichen Unterlagen im Stasi-Unterlagen-Archiv recherchiert und in die Auswertung einbezogen werden. Da die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ nicht über zusätzliche finanzielle Ressourcen für ein solches Forschungsprojekt verfügt, wurde ein Förderantrag bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gestellt und schlussendlich auch bewilligt.
Die Bearbeitung des Projekts begann im Juni 2018. Erste Schritte waren Recherchen in verschiedenen bereits veröffentlichten Quellen, wie der schon genannten Ausgabe der „taz“ vom Juni 1990 oder anderen Listen. Als besonders relevant erwiesen sich die ebenfalls schon aufgeführten Protokolle des Bürgerkomitees aus dem Frühjahr 1990, die die Aufklärung aller Hinweise auf konspirative Wohnungen und Objekte im Frühjahr 1990 dokumentiert. Dieser Prozess ist heute in mehr als einem laufenden Meter Akten dokumentiert und zeigt im Besonderen das Bemühen des Bürgerkomitees, alle geheimen Orte der Staatssicherheit in Leipzig aufzuspüren und damit eine weitere heimliche Arbeit der SED-Geheimpolizei zu verhindern. Mithilfe dieser Quellen konnten 450 konspirativen Wohnungen und Objekte in eine Datenbank eingearbeitet werden.
Dann begann die Einsicht in die überlieferten Akten des MfS im Stasi-Unterlagen-Archiv. Die Staatssicherheit hatte zu jeder Konspirative Wohnung (KW) bzw. jedem Konspirativem Objekt (KO) eine IM-Akte mit Decknamen und Registriernummer angelegt. Diese Akten sind wie alle anderen IM-Akten auch über die allgemeine Personenkartei F 16 sowie die Vorgangskartei F 22 zugänglich. Zusätzlich gibt es die Decknamenkartei F 77, die sogenannte Operative Straßenkartei F 78 und die IM-Vorauswahlkartei. Für die konspirativen Objekte existiert zusätzlich die Kartei Objekte und Liegenschaften F 80. Die Mitarbeiter im Stasi-Unterlagen-Archiv haben in einem ersten Schritt die nach Anschriften sortierte Straßenkartei F 78 bezüglich aller Adressen im Stadtgebiet von Leipzig durchgesehen und alle Hinweise auf konspirative Wohnungen und Objekte herausgesucht. Auf dieser Basis wurden dann über weitere Zwischenkarteien die jeweiligen Akten herausgesucht und dem Projektbearbeiter vorgelegt. In den Fällen, in denen keine Akten vorlagen, musste auf die vorgenannten Karteikarten sowie weitere Unterlagen, so bspw. die Verfilmten Auskunftsberichte F 217 zurückgegriffen werden.
Durch die Akten und Karteien konnten zahlreiche Details zu den bereits bekannten KW und KO herausgefunden werden. Dazu gehörten in erster Linie wie die KW / das KO gefunden und eingerichtet wurde bzw. der KW-Inhaber als IMK angeworben wurde. Aber auch besondere Vorfälle bei der Nutzung oder Zweck ergaben sich nur aus diesen Unterlagen. Alle diese Daten wurden strukturiert in die Datenbank eingegeben und für die Objekte auch jeweils ein erläuternder Beschreibungstext verfasst.
Schnell wurde aber auch klar, dass es nicht bei den 450 Objekten bleiben würde, die Zahl bisher unbekannt gewesener konspirativer Wohnungen stieg stetig. Der Grund lag in den Quellen, die bisher als Basis für die Anzahl der Objekte gedient hatten, denn darin waren überwiegend nur die unpersönlichen KW und KO aufgelistet. Die sogenannten IMK/KW, also in der Regel Treffzimmer, die sich in Privatwohnungen befanden, waren bisher unbekannt. Auch diese Objekte wurden mit allen relevanten Angaben in die Datenbank aufgenommen.
Nach anderthalb Jahren Bearbeitungszeit zeigt sich mit Stand 3. Dezember 2019, dass allein in der Stadt Leipzig zum Zeitpunkt der Auflösung des MfS im Dezember 1989 insgesamt 1.062 aktive Konspirative Wohnungen (KW) und Objekte (KO) anhand überlieferter Akten des MfS nachgewiesen sind. Davon handelte es sich bei 698 um private Wohnungen von Leipziger Bürgern, in denen diese als IMK/KW in der Regel ein Zimmer an die Stasi „untervermietet“ hatten.
Die quantitative und qualitative Beschreibung der Konspirativen Wohnungen verdeutlicht im besonderen Maße die Durchdringung der Gesellschaft durch die Staatssicherheit, sie versinnbildlicht die flächendeckende Überwachungs- und Unterdrückungstätigkeit. In den KW findet sich der Berührungspunkt zwischen den offiziellen hauptamtlichen Stasi-Offizieren (Führungsoffiziere) auf der einen, und den Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) auf der anderen Seite. Mithilfe der grafischen Darstellung in einer Karte kann nun dieses engmaschige Netz aus Stützpunkten des MfS für jedermann visualisiert und nachvollzogen werden.
Die Projektergebnisse bieten aber auch eine Vielzahl weiterer Forschungsansätze wie bspw. statistische Erhebungen: Welche Diensteinheiten des MfS unterhielt die meisten KW, und warum? Welche Rolle spielt Leipzig als wichtige Messestadt der DDR in der konspirativen Arbeit? Wo findet sich die höchste Konzentration von KW, und warum?
Aber auch die Recherche nach weiteren bisher unbekannten Objekten aus dem Stadtgebiet von Leipzig gehört dazu, denn es gibt noch eine Reihe von bisher nicht abschließend geklärten Hinweisen auf konspirative Wohnungen und Objekte, so bspw. aus dem Bereich der Auslandsspionage (Abt. XV). Aber auch Objekte die andere Bezirksverwaltungen und Hauptabteilungen des Berliner Ministeriums in der damaligen Messestadt der DDR unterhielten müssen noch recherchiert werden
Das Projekt ermöglicht die Beschäftigung mit der Thematik sowohl für den interessierten Laien, als auch den Fachwissenschaftler von einer ganz neuen Seite und zeigt das wirklich flächendeckende Wirken der Staatssicherheit.
(Stand: 3. Dezember 2019, 1.062 Objekte im Stadtgebiet von Leipzig zum Zeitpunkt Ende 1989)
